| Geschichte, Erasmus+, Europa, Sozialwissenschaften, Begegnung mit Osteuropa
Zwischen historischer Nachbarschaft und europäischer Gegenwart
Europatag 2026 – Schwerpunkt Litauen
Das Clara-Schumann-Gymnasium Dülken beging seinen diesjährigen Europatag mit historischem Akzent am 8. Mai 2026. Der Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges bot die Gelegenheit, die Königsberger Zeitzeugin Ursula Dorn einzuladen, die über ihre Erinnerungen als Wolfskind in Litauen berichtete. Dr. Andreas Hollstein, Honorarkonsul der Republik Litauen, vollzog einen Übergang von der historischen Entwicklung Litauens in die europäische Gegenwart, während die ehemalige Schülerin Sina Mirring ihre Erfahrungen schilderte, die sie mit Erasmus+ im Baltikum gemacht hatte. Sie ermutigte die Zuhörer, ähnliche Angebote wahrzunehmen.
Es ist selten, dass eine Gruppe von über 200 Schülerinnen und Schülern in solch konzentrierter Weise zuhört. Ursula Dorn, geboren 1935 in Königsberg, schaffte es jedoch mit ihren authentischen Ausführungen über ihre Erlebnisse vor und nach der Eroberung ihrer Heimat durch die Rote Armee, die Aufmerksamkeit der Jugendlichen zu gewinnen. Sie erzählte vom Überleben in Kellern und ausgebombten Ruinen, sie berichtete von den Gewaltexzessen der sowjetischen Soldaten gegenüber den Zivilisten, insbesondere Frauen jeden Alters, darunter ihre Großmutter, die die Vergewaltigungen nicht überlebte. Die Hungerskatastrophe zwang die damals zehnjährige Ursula, ins Nachbarland Litauen zu fliehen. Während sie später ihre Mutter nachholen konnte, verhungerten ihre Geschwister in den Trümmern der ostpreußischen Hauptstadt. Wie sie später erfuhr, verstarb ihr Vater am 8. Mai 1946 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Russland. In Litauen überlebten sie und ihre Mutter teils in den Wäldern, teils bei litauischen Familien, für die die Zeitzeugin schwere Arbeit verrichten musste, jedoch dankbar war, auf diese Weise überleben zu können. Auch für Litauer war es ein hohes Risiko, Deutschen Zuflucht zu gewähren. Es drohte die Deportation in Zwangsarbeitslager in Sibirien. 1948 schlossen sich die beiden Frauen einem Transport an, der sie über Königsberg und durch die nun unter polnischer Verwaltung stehenden Ostgebiete in die Sowjetische Besatzungszone brachte. Angesichts des Verlaufes des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 1953 fasste die Zeitzeugin den Entschluss, über Berlin in den Westen zu gelangen, wo der Neuanfang sich ebenfalls nicht leicht gestaltete. Dorn beendete ihre Ausführungen mit einem eindringlichen Friedensappell, der ans Herz ging.
Honorarkonsul Dr. Hollstein nahm diesen Aufruf inhaltlich auf und verwies auf das Friedensprojekt Europa. Mit familiären Wurzeln sowohl in Litauen als auch in Ostpreußen schlug er gekonnt einen Bogen von der bereits zuvor erwähnten deutsch-litauischen Nachbarschaft im Baltikum zur Aktualität in der Region, die ebenfalls von geopolitischen Spannungen mit Russland geprägt ist. Multiperspektivität und Differenzierung brachte er unter anderem auch in die Betrachtung Gorbatschows beim Untergang der Sowjetunion. Während der Generalsekretär der KPdSU in Deutschland für seine offene Rolle im Rahmen der Wiedervereinigung positiv gesehen wird, ist er in Litauen für den Versuch bekannt, die litauische Freiheits- und Unabhängigkeitsbewegung gewaltsam zu unterdrücken.
An die Zuhörer gerichtet warnte Dr. Hollstein, der ebenfalls Polonia-Beauftragter der nordrhein-westfälischen Landesregierung ist, vor den extremen Rändern des politischen Spektrums. Litauen sei Deutschland zudem im Bereich der Rüstung voraus, weil das Land Angst habe. Im Spiegel der Wehrpflichtdebatte unterstrich er, dass er ebenfalls noch für die Freiheit dieses Landes einstehen würde. Aber auch die attraktiven Seiten Litauens in Kultur, Natur, Stadt, Land und Tourismus fanden in den Ausführungen des Honorarkonsuls ihren Platz.
Die ehemalige Schülerin Sina Mirring, die mit einer Gruppe einen Landessiegerpreis im NRW-Schülerwettbewerb „Begegnung mit Osteuropa“ gewonnen hatte, stellte die Vielfältigkeit der litauischen Mobilität des Erasmus-Plus-Projektes ECHOSET vor und bewarb mit überzeugter Haltung die diversen Möglichkeiten, die das europäische Austauschprogramm insgesamt bietet. Die freundliche Aufnahme in der Partnerschule in Pajūris, kulinarische und kulturelle Entdeckungen waren ihr positiv in Erinnerung geblieben. Die bereits im Vorfeld besprochenen historischen Verbindungen und geopolitischen Entwicklungen hatten ebenfalls zur Horizonterweiterung beigetragen.
Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung durch das Orchester unter der Leitung von Pierre Leibfried, der mit seinen Schülern unter anderem das aus Ostpreußen stammende Volkslied „Ännchen von Tharau“ eingeübt hatte, das auch in Litauen bekannt ist und eine musikalisch-kulturelle Brücke zwischen beiden Nationen bildet.
Weitere Informationen:
- https://rheinischer-spiegel.de/der-europatag-am-clara-schumann-gymnasium-wurde-zu-einer-bewegenden-geschichtsstunde/
- https://www.ardmediathek.de/video/zeuge-der-zeit/ursula-dorn-mein-leben-als-wolfskind/ard-alpha/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAyNFdPMDAwODU5QTA
- https://www1.wdr.de/nrw/ostwestfalen-lippe/andreas-hollstein-altena-litauischer-honorarkonsul-100.html











